Über Identität
Wohl einer der interessantesten und auch quälendsten Fragen. Sich zu identifizieren dient in individualistischen Gesellschaften immer auch dazu, sich von anderen abzuheben.
Es gibt in westlichen Gesellschaften die starke Tendenz, die individuelle Identität besonders hervorzuheben und krampfhaft an ihr festzuhalten. Ihre Merkmale zwanghaft vor sich her zu tragen und zu reproduzieren.
Das, was wir letztlich Identität nennen, ist im Kern ein Inklusions- und Exklusionsprozess von psychologischen und soziologischen Merkmalen. Wir selbst sind es, die bewusst wie unbewusst konkrete und abstrakte Merkmale wählen und zu einem konsistenten Narrativ, also einer Erzählung zusammenfügen.
Der, der wir sind, ist — ohne jetzt weiter auf Identitätstheorien einzugehen — eine Sammlung an kognitiven Hypothesen über uns selbst, die schlicht dem Zweck dienen, in der Welt handlungsfähig zu sein.
Problematisch an soziologischer wie auch psychologischer Identität ist der Umstand, dass bestimmte Verhaltenserwartungen an uns herangetragen werden, unabhängig davon, ob wir uns mit ihr identifizieren oder nicht. Es ist und bleibt eine der wichtigsten Herausforderungen unseres Lebens, herauszutreten aus den gesellschaftlichen und kontextuellen Erwartungen unserer Umgebung, um diese zu hinterfragen.
Gelingt uns dies und wählen wir unsere Identität freier und bewusster aus uns selbst, gewinnen wir die Möglichkeit von wirklicher Authentizität und Integrität.
Das, was uns im Kern zusammenhält, ist weniger ein beschreibbares Konzept, sondern vielmehr das fluide, flexible und konstruktive Ineinander von Gedanken, Gefühlen und Phantasien. Erkennen wir den konstruktiven Charakter von Identität und können starre Vorstellungen unserer selbst loslassen, erfahren wir Leben als das, was es ist: Bewegung.
